Während die Lobbyverbände einerseits mit geschönten Informationen und verzerrten Bildern arbeiten, ist ihnen andererseits klar, dass sie ein grundlegenderes Problem haben, als dass es die eine oder andere positive Behauptung über die konkreten Lebensbedingungen zum Beispiel von Schweinen beheben könnte. Das Problem heißt Vertrauen. So schreibt der Niedersächsische Geflügelwirtschaftsverband (NGW):

Dem NGW ist klar, dass die Branche kein Qualitäts-, aber sehr wohl ein Vertrauensdefizit in der breiten Öffentlichkeit hat.

Und fügt hinzu:

Vertrauen wächst am besten auf direktem Weg durch persönlichen Kontakt zwischen Bürger und Tierhalter. (Quelle)

Und Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied sagte schon 2012, als er noch Präsident des baden-württembergischen Bauernverbands war:

Die Bauernfamilien selbst sind die besten Kommunikatoren für die Landwirtschaft. Dies kann kein Bauernverband, keine PR-Organisation und auch keine Profiagentur ersetzen und leisten. Jeder in der Bauernfamilie ist authentisch, kann Vertrauen aufbauen und überzeugen. (Joachim Rukwied, Interview dbk 5/2012)

Vertrauen ist letztlich notwendig, damit die geschönten und verzerrten Darstellungen der Lobbies überhaupt funktionieren können. Die Widersprüche zwischen Bilder und Interpretation, die offensichtlichen Auslassungen werden akzeptiert, wenn sie von Personen oder Institutionen präsentiert werden, denen wir vertrauen – es wird schon seine Richtigkeit haben. In diesem Sinne schreibt auch der Chefredakteur der Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft:

Der Schlüsselbegriff […] ist »Vertrauen«. Drastisch ausgedrückt denkt der Normalbürger doch so: Der Bauer nebenan, den ich kenne und schätze, kann so viele Ferkel erschlagen, wie er will. (Thomas Preuße, Chefredakteur DLG-Mitteilungen, Gastkommentar bei ISN)

Aus diesem Grund versuchen die Lobbyverbände, anstatt nur professionelle, zentral gesteuerte PR-Arbeit zu machen, den Austausch von Tierhalter*innen und Gesellschaft zu organisieren – durch Projekte wie den Tag des offenen Hofes. Gleichzeitig bieten sie Kommunikationsschulungen für Landwirt*innen an.

Aus kritischer Sicht ist hier zweierlei wichtig:

  1. Hinterfragen: Auch die Stalleindrücke, die bei einem Tag des offenen Hofes zu gewinnen sind, sind nicht unbedingt authentisch. Die Ställe sind für den Besuch hergerichtet, nicht alles wird gezeigt. Viele Dinge sind für den unwissenden Besucher nicht ersichtlich – es ist süß, wenn das Kalb im Kälberiglu am Finger saugt. Man muss dazu bedenken, dass es von seiner Mutter getrennt wurde und eigentlich an deren Euter saugen würde.
  2. Das System im Blick haben: Die einzelne Landwirtin kann authentisch, vertrauenswürdig und wohlmeinend sein. Das heißt nicht, dass die Tierhaltung, die sie betreibt, sich rechtfertigen lässt. Die vertrauensbildenden Maßnahmen dienen dazu, dass die Verbraucher*innen die Perspektive des Tierhalters einnehmen und verstehen können. Daneben ist es aber wichtig, die Perspektive der Tiere einzunehmen – und sich die Gewalt zu verdeutlichen, die mit ihrer Nutzung einhergeht.