Überblick

Wenn die Beschönigung der Tierhaltung nicht überzeugen kann und auch die Mythen nicht mehr greifen, wird teilweise eingestanden, dass die Tiere in den Ställen heute, vorsichtig gesagt, nicht rundum zufrieden sind. Aber, so heißt es dann, die Verbesserung sei schon im Gange – die Tierhaltungsbranche arbeite mit Hochdruck an Innovationen und Veränderungen im Sinne der Tiere. Und: Immerhin sei es heute schon besser als früher.

Heute besser als früher

Unvoreingenommene Kritiker der Tierhaltung können in den Hallen der EuroTier 2014 sehen, artgerechter ist die Haltung noch nie gewesen. Und unsere Nutztiere belohnen dies mit einer beeindruckenden Leistungsbereitschaft. Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft), 2014

Jeder neue Stall ist ein Fortschritt für Tierschutz und Tierwohl und bringt eine Verbesserung der Haltungstechnik. (DBV Faktencheck Landwirtschaft)

Einschätzung

  1. Die These selber ist je nach Vergleichsobjekt wahr oder falsch. Kühen geht es wohl in Laufställen besser als angebunden. Aber Hühnern geht es wohl im Hinterhof besser als im Massenmaststall. Hinzu kommen die Veränderungen der Tiere durch Zucht, die sie unabhängig von den Haltungsbedingungen heute körperlich beeinträchtigen. Außerdem gibt es die Veränderung in der Masse: Heute leiden viel viel mehr Tiere unter der menschlichen Nutzung als jemals zuvor.
  2. Für die Frage, ob die heutige Nutzung ok ist, ist es unwichtig, ob sie für die Tiere besser oder schlechter ist als früher. Menschen haben Tiere in der Nutztierhaltung schon immer brutal ausgebeutet und auf ihre Bedürfnisse nicht geachtet. Daran hat sich nichts geändert. Nur weil es immer schlimmer geht, ist die gegenwärtig übliche Praxis nicht gerechtfertigt.

In Zukunft wird’s noch besser

Durch eine stetige Verbesserung der Tierhaltungsbedingungen sollen der Tierschutz und die Tiergesundheit gefördert sowie eine zukunftsfähige, in der Gesellschaft akzeptierte Nutztierhaltung sichergestellt werden. (Gemeinsame Erklärung zur Rolle der Tierhaltung und zur Verbesserung des Tierwohls in der bayerischen Landwirtschaft)

Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, die Haltungsbedingungen sind im Verlauf der Jahre immer weiter verbessert worden und wir bleiben nicht bei Erreichtem stehen. (Werner Schwarz, Bauernverband Schleswig-Holstein, Interview shz 22.1.12)

Einschätzung

Es wird immer groß von Verbesserungen des Tierschutzes gesprochen. Tatsächlich sind die Veränderungen, die von Politik und Wirtschaft ernsthaft diskutiert werden, in Anbetracht der eigentlichen Bedürfnisse der Tiere denkbar minimal. Das ist nicht überraschend, da es in der Nutztierhaltung immer darum geht, unter Einsatz möglichst geringer Kosten möglichst große Mengen von Tierprodukten zu produzieren. Die Bedürfnisse der Tiere bleiben dabei systematisch auf der Strecke. Wenn tatsächlich Veränderungen durchgesetzt werden, liegt ihr primärer Zweck typischerweise in der Image-Verbesserung für die Tierindustrie. Bestes Beispiel dafür ist die Initiative Tierwohl.

Initiative Tierwohl

Die Initiative Tierwohl funktioniert so: Einige Einzelhandelsunternehmen zahlen pro Kilo verkauftem Fleisch 4 Cent in einen Topf ein. Tierhalter*innen können dann aus dem Topf Geld bekommen, um Maßnahmen „für mehr Tierwohl“ in ihren Ställen umzusetzen.

Schaut man sich die Maßnahmen an, sieht man, wie wenig sich für die betroffenen Tiere substantiell ändert.

initiative kriterien

Ziel der Initiative Tierwohl

Die Akteure haben schon im Vorfeld klar gesagt, worum es ihnen bei der Initiative Tierwohl geht: Imageverbesserung für die Tierhaltung.

Die Botschaft an der Ladentheke wird sein, dass der Verbraucher mit seinem Einkauf in den Supermärkten und Discountern der teilnehmenden Lebensmitteleinzelhändlern das Tierwohl in deutschen Nutztierställen unterstützt. (Johannes Röring, Bauernverband, Fachausschuss Schwein, in Meat Magazin 2/14)

Wir hoffen, dass die Initiative das Vertrauen der Verbraucher in die gesamte Wertschöpfungskette stärkt – vom Landwirt bis zum Handel. (Lidl-Sprecherin in Meat Magazin 2/14)

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