Beschönigung der Tierhaltung

In Broschüren, Filmen, auf Postern und in Darstellungen der Lobby-Vertreter*innen wird die Realität der Nutztierhaltung so gut wie immer stark beschönigt. Zwar wird meistens nicht, wie teils noch in der Werbung, ein gänzlich realitätsfernes Bild zum Beispiel von Tieren auf grünen Wiesen gezeichnet, wenn diese Tiere tatsächlich im Stall leben. Einige Aspekte – wie die Existenz von Spaltenboden oder das Platzangebot – werden klar benannt. Trotz dessen findet massive Beschönigung statt, die nicht immer klar erkennbar ist. Die Lobby-Verbände nutzen dafür verschiedene Strategien der Beschreibung, die hier analysiert werden.

Weglassen

Eine uralte und sehr beliebte Strategie: Positive oder neutrale Tatsachen werden genannt, unbequeme und potentiell negative Aspekte werden einfach verschwiegen. So kann man ein verzerrtes Bild erzeugen, ohne im eigentlichen Sinne zu lügen. Mit objektiver Information hat das natürlich wenig zu tun.

Faltblatt von i.m.a
Es wird in dem Faltblatt in den zwölf Absätzen Text nicht erwähnt, dass Legehennen routinemäßig die Schnäbel gekürzt werden. Auch nicht, dass die männlichen Küken in der Eierindustrie getötet werden.
In dem „Lernzirkel zum Thema ‚Schwein‘“ von i.m.a. inklusive der zwölf Arbeitsblätter wird nicht erwähnt, dass den Mastschweinen die Schwänze gekürzt, männliche Ferkel betäubungslos kastriert und Zuchtsauen üblicherweise bis zu vier Wochen im Kastenstand gehalten werden.
Poster von i.m.a
Auf dem Poster wird die Trennung von Kuh und Kalb, die in der Milchwirtschaft üblich ist, nicht erwähnt. Auf den acht Din A 4-Seiten auf der Rückseite geht es stattdessen z.B. um Futterzusammensetzung und Butterherstellung.
Lernzirkel von i.m.a
Hier wird ein Bedürfnis genannt, das Sauen tatsächlich haben – sich von der Gruppe zu separieren. Andere Bedürfnisse, die sie auch haben – ein Ferkelnest zu bauen, sich nach der Geburt um ihre Ferkel zu kümmern – werden nicht genannt. Sie können in der üblichen Haltung nicht erfüllt werden. Für ein Nest gibt es kein Material; die Sauen sind während und nach der Geburt bewegungslos in der Abferkelbox fixiert.
Aus dem Kinderbuch „Wir Kinder Hof“  (Landwirtschaftsverlag/ISN)

Über den Lebensanfang der Ferkel wird nur Positives gesagt. Weggelassen wird die Verlustrate (jedes siebte Ferkel stirbt) sowie Eingriffe in den ersten Lebenstagen wie das Schwanzabschneiden und das schmerzhafte Kastrieren der männlichen Ferkel. Auch nicht klar wird, dass die Muttersau bewegungslos eingepfercht ist.
Aus dem Kinderbuch „Wir Kinder Hof“  (Landwirtschaftsverlag/ISN)

In der Doppelseite über Eier wird nicht gesagt, dass Hühner auf hohes Eierlegen gezüchtet sind (das Urhuhn legte etwa 20 Eier im Jahr zur eigenen Fortpflanzung, heutige Legehennen über 300). Nicht erwähnt wird, dass Legehennen meistens gekürzte Schnäbel haben. Auch nicht, dass die männlichen Küken am ersten Lebenstag geschreddert werden. Dass die Legehennen nach einem Jahr Eierlegen zum Schlachthof kommen, wird ebenfalls verschwiegen.

Umdeuten

Hierbei ist die Strategie: Negativen Aspekten der Nutztierhaltung wird ein positiver Sinn gegeben – es wird zum Beispiel so getan, als würden bestimmte Maßnahmen, die sich negative auf Tiere auswirken, in Wahrheit zugunsten der Tiere ergriffen.

Das ist absurd, da Schweine von Natur aus sehr reinliche Tiere sind und zwischen Kot- und Liegeplatz immer 5-15 Meter Abstand halten. Im Stall ist dafür zu wenig Platz. Bei Spaltenboden sollen Kot und Urin durchfallen und von unten abgepumpt werden. Tatsächlich bleibt Kot an und über den Spalten kleben, die Schweine sind gezwungen, in und auch über ihrem eigenen stinkenden Kot zu leben.

Erstens ist also eine Trennung „des Tiers von seinem Kot“ nur nötig, weil Schweine auf so wenig Platz eingesperrt sind. Zweitens leistet der Spaltenboden diese Trennung nur unzureichend.

Aus der Reportage „Tierwohl aus Überzeugung“, Meat Magazin vom DBV, 2/14.

Das Schwanzbeißen ist klarerweise eine Folge der Haltung. Von Wildschweinen oder Schweinen auf Lebenshöfen ist nicht bekannt, dass sie sich gegenseitig die Ringelschwänze abknabbern. Auch können Schweine in Freiheit bei derlei Attacken natürlich das Weite suchen. Das Kürzen der Schwänze dient also dazu, die Folgen einer Verhaltensstörung abzumildern, die durch die Haltung der Schweine selbst verschuldet ist.

Wie hier in der Geflügelcharta wird von den Lobbyverbänden häufig das Wort „Schnabelbehandlung“ statt „Schnabelkürzung“ oder gar „Amputation“ verwendet. Das Wochenblatt empfiehlt diese Sprachverwendung (Artikel vom 2.8.2013).
Das Federpicken bei Legehennen und Puten ist eine Verhaltensstörung, deren Ursachen in Zucht und Haltungsbedingungen liegen. Das Kürzen des Schnabels – in dem empfindliche Nerven sind – verringert die durch das Federpicken entstehenden Verletzungen.

Geschönte und verzerrende Bilder

Die Lobbyverbände arbeiten mit verschiedenen Arten von Bildern:

  • Sie zeigen Fotos und Filme von Bedingungen in der Nutztierhaltung
  • Sie verwenden gezeichnete Darstellungen
  • Sie präsentieren nachgebaute Ställe und andere Einrichtungen
  • Sie zeigen Live-Einblicke in Ställe mittels Webcam
  • Sie organisieren reale Hofbesuche

Die dabei vermittelten Bilder sind entsprechend in verschiedenen Hinsichten und mehr oder weniger beschönigend. Dafür sind hier einige Beispiele. Man darf die Bilder allerdings nicht isoliert betrachten. Stattdessen ist für ihre Wirkung häufig entscheidend, in welchem Kontext und mit welcher Interpretation sie geliefert werden. Beispiele dafür sind im nächsten Abschnitt.

Wenn Bilder aus der Hühnermast gezeigt werden, wie hier im Film zur Geflügelcharta, wird typischerweise ein frühes Stadium der Mast gezeigt. Die Tiere haben mehr Platz im Stall und sind gesünder und fitter als gegen Ende der kurzen Mastperiode.
Wenn Rinderställe von innen präsentiert werden, sind sie natürlich frisch eingestreut und der Kot ist gut beseitigt. Wie Recherchebilder zeigen, sieht es in Kuhställen häufig ganz anders aus: Die Liegebereiche und die Tiere selbst sind kotverschmiert, die Gänge dreckig und rutschig.
Das Schweinemobil vom Forum Moderne Landwirtschaft zeigt auf Messen und anderswo, wie moderne Schweinehaltung aussieht. Die Stallaustattung ist einigermaßen realistisch, aber natürlich ist alles sauber, inklusive der Tiere.
Der Bauernverband Brandenburg zeigt in seinem Flyer „Wir machen Tierwohl“ Bilder von Schweinen auf Stroh und Hühnern in Freilandhaltung. Das entspricht nicht den konventionellen Haltungsbedingungen, für die sie mit Flyer und Plakataktion – gegen das Volksbegehren gegen Massentierhaltung – gerade werben wollen. Die Bilder in der Plakatkampagne stammen zudem offenbar aus Frankreich.
Dieses Video zur Sauenhaltung zeigt über weite Strecken Schweine, die sich zwischen Stallabteilen bewegen oder sogar draußen suhlen. Das ist für das Leben der Zuchtsauen nicht repräsentativ. Die Dusche zum Beispiel findet nur zweimal im Jahr statt, der Aufenthalt draußen ist gar nicht vorgesehen und vermutlich für die Darstellung im Video gestellt.

Falsche Interpretationen von Bildern

Teilweise steht die gelieferte Beschreibung in ziemlich klarem Widerspruch zu dem, was man im Bild oder Video sehen kann. Uns ist unklar, wie vielen Betrachtenden der Widerspruch auffällt und ob das Ganze im Sinne der Lobbies funktioniert oder nicht. Die Überlegung dahinter könnte lauten: Wir können nicht verhindern, dass die Menschen sehen, wie es in modernen Ställen aussieht. Besser, sie bekommen unsere Interpretation dazu, als dass wir den Tierschutz- /Tierrechtsorganisationen die Interpretation überlassen. Vielleicht glauben die Betrachtenden was sie glauben wollen?

Poster „Moderne Rinderhaltung“ von der Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft (jetzt Forum Moderne Landwirtschaft) und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter.

Ist das tatsächlich genug Platz für Bewegung und zum Spielen?

Webcam vom Hessischen Bauernverband.

In der Beschreibung heißt es: „Die Schweine teilen sich ihre Bucht selbstständig ein - so gibt es einen Kotbereich, einen Spiel- und Liegebereich und natürlich den Fressbereich.“ Nicht nur sieht man, dass das Quatsch ist – es wird auch im „Nationalen Bewertungsrahmen Tierhaltung“ eindeutig festgestellt, dass eine Einteilung beim konventionellen Platzangebot nicht möglich ist.

Bullshit und Lügen

In vielen Medien der Lobbyverbände finden sich Aussagen und Beschreibungen, die entweder gar keinen klaren Inhalt haben – aber gut klingen –, oder glatt gelogen sind. Viele Behauptungen sind an der Grenze von Bullshit und Lügen: Die genaue Bedeutung ist unklar, eine naheliegende Interpretation ist jedoch sachlich falsch.

Bemerkenswert ist die Verwendung von Bullshit und Lügen auch deshalb, weil die Lobbyverbände gerne den Kritiker*innen der gegenwärtigen Landwirtschaft vorwerfen, unsachlich zu argumentieren oder falsche Tatsachen zu behaupten. Tatsächlich scheint genau das gängige Praxis der Lobbyverbände selbst zu sein.

Poster von i.m.a. und ISN.

Was heißt „große Bucht“? Was heißt „genügend Platz“? Klar ist, dass die Schweine bei dem konventionellen Platzangebot zahlreiche natürliche Verhaltensweise nicht oder nur sehr eingeschränkt ausführen können. (Das stellt auch der von Tierwissenschaftlern erstellte „Nationale Bewertungsrahmen Tierhaltung“ eindeutig fest.) Dazu gehören Sozialverhalten, Fortbewegung, Nahrungsaufnahmeverhalten, Komfortverhalten und Erkundungsverhalten.

Aus dem „Leitbild Tierhaltung“ vom Deutschen Bauernverband.

Klarer Fall von Bullshit. Es wird nichts darüber gesagt, welche Anliegen bei Konflikten in der Abwägung gewinnen – tatsächlich ist es immer die Wirtschaftlichkeit. Das ist auch daraus klar, dass Tierschutzmaßnahmen immer nur insoweit diskutiert und durchgeführt werden, wie sie sich wirtschaftlich rechnen. „Verantwortung“ ist hier eine hohle Phrase, die gar nichts Konkretes bedeutet – der Begriff ist aber bei den Lobbyverbänden sehr beliebt. In dem zweieinhalbseitigen Leitbild kommt er zwölfmal vor.

Was genau heißt es, dass die Ställe auf das Tierwohl ausgerichtet sind? Richtig, nichts. Wenn sie auf etwas ausgerichtet sind, dann darauf, 20.000 oder 40.000 Hühner in wenigen Wochen auf ihr Schlachtgewicht zu bringen und dabei die Verlustrate gering zu halten (3-5 % Verluste sind einkalkuliert, das sind 600-2000 Individuen pro Stall und Mastdurchgang, die im Stall verenden.)

Aus dem Arbeitsblatt im i.m.a.-Lernzirkel.

Eine glatte Lüge. Wahr ist, dass die Sauen bis zu vier Wochen nach der Besamung im Kastenstand gehalten werden. Das ist ein etwa körpergroßer Käfig, in dem sich die Tiere nicht einmal umdrehen können.
Kinderbuch vom Landwirtschaftsverlag und ISN

„Die Muttertiere leben in Gruppen zusammen, wenn sie gerade keine Ferkel haben.“ Das ist gelogen: Die Sauen werden typischerweise bis vier Wochen nach der Besamung im Kastenstand gehalten, wo sie sich nicht umdrehen und nicht einmal ein paar Schritte gehen können. Wenn die Besamung nicht zur Trächtigkeit geführt hat, verlängert sich die Zeit im Kastenstand.