Der Vorwurf der Unsachlichkeit

Immer wieder wird von Seiten der Agrarlobby die Kritik an der modernen Landwirtschaft als unsachlich verunglimpft und es wird eine Versachlichung der Debatte – sowohl im Bereich Tierhaltung, als auch beim Thema Pflanzenschutz oder Gentechnik – gefordert. Hier sind ein paar Beispiele:

„Wir sind nicht mehr bereit, mit Gruppierungen zu diskutieren, die die Landwirtschaft unsachlich angreifen, die diffamieren und bewusst Ängste schüren und Falschinformationen zum Besten geben. Da sagen wir mittlerweile nein.“ (Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbandes, im Vorfeld der Grünen Woche und der Wir-haben-es-satt-Demo 2014.)

Frank Oesterhelweg hat Landwirtschafts-Minister Meyer im Rahmen der Plenar-Sitzung zu mehr Sachlichkeit in der Debatte um eine moderne Landwirtschaft aufgefordert. „Die Begrifflichkeiten, mit denen der Minister in schöner Regelmäßigkeit um sich wirft, sind eine Beleidigung für die niedersächsische Landwirtschaft. Turbohühner und -Kühe, Qualhaltung oder industrielle Massentierhaltung – mit der großen Mehrheit unserer Landwirte hat das nichts zu tun“, betont Oesterhelweg. (Mitglied des Landtages Niedersachsen, CDU-Fraktionsvize, Bundeswirtschaftsportal 20.9.2015)

Die Tierschutzdebatte versachlichen: „Wir wollen mit Hilfe unserer neuen Kurzinfos zu einer Versachlichung der Debatte beitragen und aufzeigen, wie und warum Antibiotika in der Tierhaltung eingesetzt werden und ob sich allein die Betrachtung von Bestandsgrößen zur Beurteilung des Wohlergehens von Tieren eignet“ (Patrick Simon, Geschäftsstellenleiter i.m.a., Pressedienst Bayerischer Bauernverband, 5.6.14.)

Was heißt Sachlichkeit?

Die Begriffe „Sachlichkeit“ und „Versachlichung“ können ja verschiedene Bedeutungen haben.

1. Auf der Basis von Fakten diskutieren

Häufig scheint mit der Forderung nach mehr Sachlichkeit gemeint zu sein, dass keine Falschinformationen und unbegründete Ängste in der Debatte eingesetzt werden. Damit wird natürlich den Gegner*innen vorgeworfen, dass sie mit derlei illegitimen Mitteln arbeiteten – was aber typischerweise nicht begründet wird. Natürlich gibt es schlecht begründete Kritik an der gegenwärtigen Landwirtschaft, und dagegen wehren sich ihre Vertreter*innen zu Recht.

Gleichzeitig gibt es aber gut begründete Kritik: Vor den Gefahren eines hohen Antibiotikagebrauchs in der Tierhaltung, der Zerstörung von Böden, Umwelt und Klima durch die gegenwärtige Landwirtschaft warnen schon lange auch höchst gut informierte Menschen auf der Basis von wissenschaftlichen Untersuchungen ebenso wie Überlegungen des gesunden Menschenverstands. Dass die Benutzung von Tieren zur Produktion von Fleisch, Milch und Eiern die Bedürfnisse dieser Tiere systematisch missachtet, wird auch von Agrarwissenschaftler*innen klar analysiert. Dass es wehtut, wenn einem Schwein die Hoden herausgeschnitten oder einem Huhn der Schnabel abgeschnitten wird, sind ebenso Fakten. Auch auf Tatsachen basiert ist die These, dass wir ohne den Konsum von Tierprodukten ein gesundes Leben führen können.

Auf der Basis dieser Tatsachen müsste eine ethische und politische Diskussion über die Zukunft der Landwirtschaft geführt werden. Dieser Diskussion gehen die Lobbyverbände durch ihre wiederholte pauschale Diffamierung der Kritik als fehlinformiert systematisch aus dem Weg.

2. Gefühle ausschalten

Häufig wird mit der Forderung nach mehr Sachlichkeit auch gemeint, dass wir in die Debatte keine Gefühle wie Empörung, Angst oder Mitgefühl einbringen sollten.

„Wir wollen einen sachlichen Dialog zum Thema Tierschutz voranbringen, keine emotionale Debatte.“ (Silvia Wernitz, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark, zur Werbeaktion „Wir machen Tierwohl“, mit der der Verband auf das Volksbegehren gegen Massentierhaltung reagiert. PNN 24.11.15)

Es ist zwar richtig, dass bei einer Diskussion zu viele Gefühle dazu führen können, dass belegte Fakten nicht wahrgenommen oder Argumente der Gegnerin einfach nicht gehört werden. Davor soll man sich natürlich hüten. Gleichzeitig sind Gefühle nicht, wie die Lobby suggeriert, per se unrational oder unsachlich – im Gegenteil: Wenn fühlende Wesen leiden, ist Mitgefühl die richtige Reaktion. Wer wünscht sich eine Welt, in der wir kein Mitgefühl haben? Natürlich muss dieses Mitgefühl von Wissen informiert sein: Wer mit einem Schwein mitleidet, weil es bei kühleren Temperaturen draußen ist und vermeintlich friert, weiß wenig über Schweine. Natürlich will die Agrarlobby den Eindruck vermitteln, Mitleid mit den Nutztieren sei immer unangebracht – weil es diesen ja so prima gehe. Hier haben wir es aber nicht mit Fakten, sondern mit Beschönigung zu tun.

Auch Empörung und Angst können vernünftig sein, wenn sie zu den Realitäten, auf die sie sich beziehen, passen. Wenn also der Umgang mit Tieren, ihre Behandlung als Waren und Ressourcen ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse eine Ungerechtigkeit darstellt, dann ist es angebracht, empört zu sein. Und wenn der Klimawandel real ist, dann ist es angebracht, Angst zu haben. Und wenn eine profitgetriebene Landwirtschaft ungeachtet aller Argumente weiter macht mit ihrem Business-as-usual, dann ist es auch angebracht, wütend zu sein.

Aber gibt es zu diesem Weitermachen überhaupt eine Alternative? Die Agrarlobby gibt sich alle Mühe uns glauben zu machen, es gäbe keine. Die Forderung nach mehr „Sachlichkeit“ ist häufig auch eine Diffamierung derjenigen, die für grundlegende Alternativen eintreten.

3. Vermeintliche Sachzwänge – Markt, Wettbewerb etc. – akzeptieren

Die Landwirt*innen seien zur Diskussion bereit, behaupten die Lobbies – aber nur, sofern es sachlich zugeht, und das heißt hier: Solange es nur um „praxistaugliche“, „tragfähige“ Veränderungen geht.

Die [Wirklichkeit] ist nicht immer schön – auch wenn man an die vielen Mastställe denkt. Aus Sicht von Schwarz [Präsident Bauernverband Schleswig-Holstein] sind die aber zur Befriedigung der Nachfrage notwendig. „Wir haben heute einen Bedarf an Nahrungsmittel der gigantisch ist“, sagt der Bauernpräsident. […]
„Wenn wir sachliche Argumente dafür finden, dass etwas getan werden muss, sind wir sicherlich bereit das zu tun und können dann auch beziffern, was das kostet.“ Eine unsachliche Debatte bringe weder die Verbraucher noch die Tierhalter weiter. (Focus, 2.3.13.)

SPIEGEL: Zum Selbstverständnis von Landwirten gehören Dinge wie das Kupieren von Schweineschwänzen, die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung, das Schreddern von Küken oder die Zucht von Puten, die wegen ihrer überdimensionierten Brust nicht mehr laufen können. Sie wundern sich, dass das auf Widerstand stößt?

Rukwied [Präsident Bauernverband]: Wir stellen uns der Diskussion und arbeiten seit Längerem an Lösungen. Bis jetzt gibt es keine, die praxistauglich sind. Und wir erwarten, dass man sachlich mit uns umgeht, anstatt uns pauschal als die „bad guys“ zu diffamieren. (Spiegel, 11.9.15)

Nun wird das Augenmerk verstärkt auf das Tierwohl gerichtet. Diese Debatte sollte sachlich und fachlich und ohne Polarisierung geführt werden und darf die Zukunft der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung nicht in Frage stellen. (Erfurter Erklärung, Bauerntag 2015)

Der letzte Satz heißt übersetzt: Es darf nichts gefordert werden, was die Nutztierhaltung stark verteuern und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährden würde. Diese Idee wird gerne noch mit dem Argument gestützt, dass schärfere Reglementierungen zu einer Abwanderung der Nutztierhaltung aus Deutschland führen würden.

Natürlich stimmt es, dass auch aus der Sicht der Kritiker*innen nichts gewonnen wäre, wenn genauso viele Tiere auf dieselbe Weise gehalten würden wie jetzt, nur außerhalb Deutschlands. Diese Argumentation verkennt aber völlig, worauf viele Gegner*innen und Kritiker*innen der Nutztierhaltung abzielen: Auf eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir Nahrungsmittel produzieren wollen und ob wir überhaupt Nutztiere halten sollten. Ob wir es ok finden, Schweinen den Ringelschwanz abzuschneiden, damit sie in den trostlosen Mastbuchten nicht von den Mitgefangenen zerbissen werden, oder nicht. Diese Frage können wir nicht entscheiden, indem wir auf die ökonomischen Rahmenbedingungen oder die bestehende Nachfrage verweisen, denn gerade diese beiden Faktoren werden ja in der Diskussion ethisch hinterfragt.

Wenn mit vermeintlichen Sachzwängen und der Gefahr der Abwanderung der Tierindustrie argumentiert wird, wird auch so getan, als ob der Verkauf von Tierprodukten national und global eine konstante, unbeeinflussbare Größe sei – obwohl natürlich die Lobbies selbst massiv dazu beitragen, den Absatz von Tierprodukten zu befördern.

Sachzwänge zu akzeptieren heißt, innerhalb eines Rahmens zu denken, der eben nicht alternativlos ist. Wir können, als Gesellschaft, den Konsum und die Produktion von Tierprodukten reduzieren und schließlich einstellen. Das ist möglich. Die Frage ist, ob wir das wollen – und darüber müssen wir diskutieren. Wir können aber diese Diskussion nicht führen, wenn die eine Seite schon voraussetzt, dass wir eine global wettbewerbsfähige Tierindustrie im Land behalten müssen.

4. Irgendwie Stimmung für Tierhaltung oder moderne Landwirtschaft machen

Der Ausdruck „Versachlichung“ gefällt den Vertreter*innen der gegenwärtigen Agrarindustrie so gut, dass sie ihn auch gänzlich ohne irgendwie spezifische Bedeutung verwenden, wann immer darum geht, das Image ihrer Branche zu verbessern. So heißt es im Konzernlagebericht der PHW-Gruppe (Wiesenhof):

Mit der Übernahme des Haupt-Sponsorships bei Werder Bremen schuf das Unternehmen im Herbst 2012 eine weitere Kommunikationsplattform, um eine Versachlichung der Tierhaltungsdebatte zu erreichen. (Aus dem Konzernlagebericht der PHW-Gruppe für das Geschäftsjahr 2013/2014 (Juli bis Juni), online einzusehen auf der Seite www.bundesanzeiger.de)

Wie sachlich ist die Öffentlichkeitsarbeit der Lobbies?

Die Vertreter*innen der Lobbies diskutieren gerade nicht auf der Basis von Fakten. In ihren Broschüren, Filmchen und Medienauftritten wird die gegenwärtige Agrarindustrie massiv beschönigt, unbegründete Mythen und tatsachenferne Behauptungen aufgestellt – das sind Behauptungen, die so vage sind, dass ihre Wahrheit gar nicht beurteilt werden kann. Es wird bewusst mit Emotionen gearbeitet, Filme über Schweine in Betonbuchten zum Beispiel mit fröhlicher Musik unterlegt oder es werden vor der Kamera Rinder und Kälbchen gestreichelt mit dem Ziel, bei den Konsumenten wieder Vertrauen in die Landwirtschaft zu bilden – eine primär emotionale Einstellung. Die der Industrie ihre Arbei extrem erleichtern würde:

Der Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang ist »Vertrauen«. Drastisch ausgedrückt denkt der Normalbürger doch so: Der Bauer nebenan, den ich kenne und schätze, kann so viele Ferkel erschlagen, wie er will. Er wird schon seine guten Gründe dafür haben. (Thomas Preuße, Chefredakteur der DLG-Mitteilungen, auf Bauernhöfe statt Bauernopfer, 3.1.14)

„Öffentlichkeitsarbeit an Schulen und Kindergärten ist enorm wichtig“, sagt Venema (aktiv bei KuhTube.com). Kinder haben oft noch ein unkritisches Verhältnis zur Landwirtschaft. Die Chance könne man nutzen und eine positive Bindung zur Landwirtschaft aufbauen. Entscheidend dabei sei, Kindern bzw. Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, Landwirtschaft live zu erleben. Denn nirgendwo sonst könne man Emotionen so gut transportieren wie vor Ort im Stall.“ (top agrar 12/15, S. R6)

Fazit

Wenn die Kritik an der modernen Landwirtschaft als „unsachlich“ bezeichnet wird, soll sie damit häufig als uninformiert und unberechtigt dargestellt werden, ohne sich aber mit ihren Argumenten wirklich auseinanderzusetzen. Außerdem wird suggeriert, die Kritik beruhe auf bloßen Gefühlen und diese hätten in der politischen Diskussion nichts verloren – was nicht stimmt. Darüber hinaus soll mit der Forderung nach „Sachlichkeit“ häufig die Debatte über grundlegende Bedingungen der heutigen Landwirtschaft von vorneherein ausgehebelt werden – obwohl genau dies die Debatte ist, die wir als Gesellschaft führen müssen. Teilweise wird der Ausdruck „sachlich“ oder „Versachlichung“ auch einfach so verwendet, weil er sich wohl gut anhört.

In ihrer Öffentlichkeitsarbeit sind die Lobbies selbst gleichzeitig keineswegs sachlich, da sie nicht auf der Basis von Tatsachen argumentieren und bewusst mit Emotionen arbeiten, um Vertrauen in die Landwirtschaft zu bilden – am liebsten direkt bei Kindern und Jugendlichen.

Weiterlesen