Der Umgang der Agrarlobby mit Kritik an der gegenwärtigen Landwirtschaft dient dazu, ernsthafte Diskussionen zu vermeiden und insbesondere den Forderungen nach grundsätzlichen Veränderungen des Status Quo keinen Raum zu geben.

Generelle Abwertung der Kritik

Bauernverbandspräsident Rukwied hält die Kritik an der modernen Landwirtschaft durchweg für unberechtigt:

„Es gibt eine große, kontinuierlich wachsende Gruppe an Verbrauchern, die der Landwirtschaf skeptisch gegenüber stehen. So vielfältig die Gründe dafür im Einzelnen auch sein mögen, sie lassen sich alle auf einen Punkt zurückführen: Unwissenheit beziehungsweise Halbwissen.“
(Joachim Rukwied, Grußwort zum Jahresbericht des i.m.a. 2012/13)

Seiner Meinung naabwertung der kritik 2ch ist also alles in bester Ordnung. Im selben Grußwort heißt es:

„Für die deutschen Bauernfamilien sind die Dinge klar: sie arbeiten sorgfältig und verantwortungsbewusst. Sie nutzen die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse, um ihre Böden schonend zu bewirtschaften und ihre Tiere artgerecht zu halten. Sie denken generationenübergreifend, stehen für ‚Nachhaltigkeit‘ wie niemand sonst und erzeugen Lebensmittel von hervorragender Qualität“

So vollständig selbstgerecht geben sich die Lobby-Vertreter*innen mittlerweile allerdings eher selten. Häufiger hört man jetzt, die Landwirtschaft sei bereit zur Diskussion der, wie es dann heißt, veränderten gesellschaftlichen Anforderungen. Selbstkritik gibt es dabei häufig trotzdem nicht.

So sagt Rukwied im Interview:

„Wir stellen uns der Diskussion, auch der veränderten Einstellung gegenüber der Landwirtschaft. Wir sind bereit für Veränderungen. Aber wir gehen selbstbewusst in diesen Disput, weil wir überzeugt sind, dass das, was wir tun, richtig ist.“ (Interview im Spiegel, 12.9.15)

Andere dagegen räumen durchaus ein, dass es Verbesserungsbedarf gibt. Trotzdem diffamieren sie häufig die öffentliche Kritik an der Landwirtschaft – sie werfen ihr vor allem Emotionalität, Subjektivität, fehlende Sachlichkeit oder ideologische Verblendung vor. Was ist das dabei verfolge Ziel?

Aus unserer Sicht geht es primär darum, eine bestimmte Art von Kritik – nämlich die besonders grundsätzliche – zu diffamieren.

Abwertung von „Fundamentalkritik“abwertung der kritik

Vizepräsident und Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Werner Schwarz, sagt im Interview:

„Die teilweise an unserer Wirtschafsweise geübte Fundamentalkritik lässt einen aber schon zweifeln, ob die dafür nötige intensive und effiziente Landwirtschaf in Deutschland noch gewollt und auch in Zukunf möglich ist. Die Kritik ist aber allzu of emotional und nicht objektiv.“ Interview shz 22.1.15

Als positiver Gegenbegriff zum negativ verwendete „emotional“ wird häufig „sachlich“ benutzt und eine „Versachlichung“ der Debatte gefordert. Dazu siehe den eigenen Artikel „Versachlichung?“

Außerdem beliebt ist der Vorwurf an die Kritiker*innen, die Kritik oder die Forderungen nach Veränderungen seien „ideologisch“. Besonders gern benutzt diesen Begriff der CDU-Politiker und Lobby-Funktionär Franz-Joseph Holzenkamp in Auseinandersetzung mit den Grünen:

„Wie üblich, sind die Forderungen der Grünen zum Baugesetzbuch wenig durchdacht und einmal mehr ideologisch motiviert. So sollen zum Beispiel nach deren Vorstellung alle Landwirte gezwungen werden, das Futter für die Tierhaltung auf dem eigenen Acker anzubauen.“ (Holzenkamp, siehe hier)

Es ist nicht ganz klar, was mit „Ideologie“ hier gemeint ist. Folgendes Zitat aus einer Erklärung von Holzenkamp und dem CDU/CSU-Berichterstatter für Tierschutz, Dieter Stier, gibt Aufschluss:

Wir wenden uns entschieden gegen jede Art von Ideologie in dieser Debatte. […] Der Tierschutz hat gerade in Deutschland in seiner Breite ein hohes Niveau. Den Versuch, bestimmte Haltungssysteme gegeneinander auszuspielen, lehnen wir ab.
Die christlich-liberale Koalition steht für einen praktikablen, sachlichen und wissenschaftlich fundierten Tierschutz. Diesen wollen wir stetig stärken und weiter entwickeln. (Link)

Hier zeigt sich, was mit „Ideologie“ gemeint ist – was es nach dem Wunsch der Agrarlobby nicht geben soll: Grundsätzliche Kritik oder Forderungen nach schnellen Änderungen. (Mal davon abgesehen, dass die Grünen tatsächlich nicht besonders grundsätzliche Kritik üben …)

Tierschutz muss praktikabel sein: Das heißt, er darf die Profitabilität und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen nicht gefährden. Heißt praktisch: Es ist ok, Ferkel betäubungslos kastrieren, sofern alles andere zu teuer wäre. Und wer das krititisiert, ist ideologisch.

Das ist ein durchaus geschickter Schachzug: Als ernstzunehmende Gesprächspartner*innen werden von vorneherein nur diejenigen zugelassen, die nur minimale, wirtschaftlich ungefährliche Veränderungen fordern. Das, was für die Diskussion vorausgesetzt wird, ist letztlich nichts anderes als der Status von Tiere als Waren und Ressourcen, die eben im Rahmen ökonomischer Vorgaben produktiv sein müssen. Wer aber gerade diesen Status in Frage stellt, darf gar nicht mitreden.

Wenn auf der Grünen Woche in Berlin Fragen des Systemwechsels diskutiert werden, dann gefällt das Bauerverbandpräsident Rukwied nicht. Dasselbe scheint Friedhelm Schneider, Chef vom hessischen Bauernverband, zu stören, wenn er kritisiert, dass „mal wieder im Umfeld der Grünen Woche die Landwirtschaft ‚als ideologisches Kampffeld‘ missbraucht worden sei“. Rukwied zufolge ist die Branche nicht bereit, „Kampfthemen“ mit Menschen zu diskutieren, die eine andere Landwirtschaft wollen.

Entsprechend formuliert auch der Vorsitzende der Interessengemeinschaft der Schweinehalter beim traditionellen Spanferkelessen:

„Wir brauchen einen sachlichen Dialog, frei von Ideologie und Wahlkampfgetöse, mit all denen, die diesen Wirtschaftszweig konstruktiv weiterentwickeln wollen.“ (Link)

Darum geht es also den Lobbies: Um Veränderungen, die letztlich die Tierindustrie voranbringen, anstatt sie einzuschränken. Darüber soll diskutiert werden. Auf diese Weise kann die Agrarindustrie die Diskussion positiv nutzen und Themen wie z. B. Tierwohl positiv besetzen – weil sie es scheinbar offen und im Hinblick auf Verbesserungen mit den Kritiker*innen diskutieren. Wer sich darauf einlässt – wie es typischerweise Politiker*innen, aber auch Organisationen wie der Tierschutzbund oder ProVieh tun – unterstützt damit die Öffentlichkeitsarbeit der Verbände. (Siehe auch die Seite zur Initiative Tierwohl)

Genau auf diese Weise wird aber gleichzeitig eine ernsthafte Diskussion von Argumenten für grundsätzliche Veränderungen – und insbesondere eine ernsthafte Diskussion von Tierrechtsargumenten – vermieden.

Wir warten noch darauf, einmal mit Lobbyvertreter*innen über die grundsätzliche Begrüdung dafür zu diskutieren, warum sie es legitim finden, Tiere für menschliche Zwecke einzusperren, zu verstümmeln, von ihren Sozialpartnern zu trennen und schließlich nach einem kurzen Leben zu töten. Aus unserer Sicht gibt es dafür keine guten Argumente.

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