Eine zentrale Zielgruppe für die Öffentlichkeitsarbeit der Agrarlobby sind Kinder und Jugendliche. Durch Kinderbücher, durch speziell auf junge Menschen ausgelegte Flyer und Broschüren, durch Veranstaltungen an Schulen bzw. für Schulklassen sowie durch Materialien für den Schulunterricht versuchen Verbände und Unternehmen, zukünftige Verbraucher*innen für sich zu gewinnen und früh Vertrauen in die moderne Landwirtschaft zu sähen.

Kinder haben oft noch ein unkritisches Verhältnis zur Landwirtschaft. Die Chance könne man nutzen und eine positive Bindung zur Landwirtschaft aufbauen. (Amos Venema, aktiv bei My Kuhtube, in top agrar 12/2015)

Bei allen Materialien und Programmen für Kinder, die von Lobbyseite gestaltet werden, wird die gegenwärtige Tierhaltung stark beschönigt dargestellt und teilweise klare Unwahrheiten verbreitet.

Unterrichtsmaterialien von information.medien.agrar e.V.

Blogbeiträge zum Thema

Interessengemeinschaft der Schweinehalter verteilt Kinderbuch

21. Dezember 2015|0 Comments

Über 1.000 Exemplare stellt die Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN) zur Verfügung, damit diese kostenlos an Kindergärten, Schulen und Kinderärzte verteilt werden können. Das Buch für Kinder im Alter von fünf bis neun Jahren wurde von [...]

Weglassen von Tatsachen: In dem „Lernzirkel zum Thema ‚Schwein‘“ inklusive der zwölf Arbeitsblätter wird nicht erwähnt, dass den Mastschweinen die Schwänze gekürzt, männliche Ferkel betäubungslos kastriert und Zuchtsauen üblicherweise bis zu vier Wochen im Kastenstand gehalten werden.
Eine glatte Lüge, ebenfalls aus dem „Lernzirkel zum Thema Schwein“. Wahr ist, dass die Sauen bis zu vier Wochen nach der Besamung im Kastenstand gehalten werden. Das ist ein etwa körpergroßer Käfig, in dem sich die Tiere nicht einmal umdrehen können.
Tatsachen weglassen: In dem Poster „Die Kuh“ von i.m.a wird die Trennung von Kuh und Kalb nicht erwähnt. Auch nicht gesagt wird, dass oder wie die Milchkühe nach wenigen Jahren „Nutzungsdauer“ getötet werden. Stattdessen werden z.B. die Verdauung von Rindern und die Butterherstellung erläutert.

Poster von i.m.a und dem Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft
Unklar: Was genau heißt es, dass die Ställe auf das Tierwohl ausgerichtet sind? Richtig, nichts. Wenn sie auf etwas ausgerichtet sind, dann darauf, 20.000 oder 40.000 Hühner in wenigen Wochen auf ihr Schlachtgewicht zu bringen und dabei die Verlustrate gering zu halten – 3-5 % Verluste sind einkalkuliert, das sind 600-2000 Individuen pro Stall und Mastdurchgang, die im Stall verenden.

Poster von i.m.a und ISN.

Unklar bis gelogen: Was heißt „große Bucht“? Was heißt „genügend Platz“? Klar ist, dass die Schweine bei dem konventionellen Platzangebot zahlreiche natürliche Verhaltensweise nicht oder nur sehr eingeschränkt ausführen können. (Das stellt auch der von Tierwissenschaftlern erstellte „Nationale Bewertungsrahmen Tierhaltung“ eindeutig fest.) Dazu gehören Sozialverhalten, Fortbewegung, Nahrungsaufnahmeverhalten, Komfortverhalten und Erkundungsverhalten.

Das Buch „Wir Kinder vom Hof“ vom Landwirtschaftsverlag

Das Buch wurde über die „Projektbörse“ der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V. (ISN)  angeschoben und teilfinanziert. Projektpate war ISN-Beiratsmitglied Philipp Gersmann. Konzept, Text und Fotos stammen von Redakteurinnen des Landwirtschaftlichen Wochenblatts Westfalen-Lippe, dem Presseorgan des  Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (gehört zum Deutschen Bauernverband).  Das Buch wurde für Kinder im Alter zwischen fünf und neun Jahren erstellt und soll ihnen das Leben in der Landwirtschaft nahebringen. Es wird in den Shops zahlreicher Verbände angeboten. Die ISN hat 1.000 Exemplare gekauft, um sie kostenlos an Schulen, Kindergärten und bei Kinderärzten zu verteilen.

In dem Buch werden typische Strategien der Beschönigung angewandt.

„Die Tiere müssen immer gut versorgt werden, damit sie gesund bleiben.“

Unklar und beschönigend: Der Text suggeriert, dass es den Tieren gut geht, ihre Bedürfnisse beachtet werden und ihre Gesundheit Priorität hat. Tatsächlich werden Krankheiten von Schweinen häufig in Kauf genommen, wenn eine Verhinderung oder Heilung mehr kosten würde. Auch können Schweine in den Mastanlagen viele Grundbedürfnisse nicht ausleben.

Weglassen von Tatsachen: Über den Lebensanfang der Ferkel wird nur Positives gesagt. Weggelassen wird die Verlustrate (jedes siebte Ferkel stirbt) sowie Eingriffe in den ersten Lebenstagen wie das Schwanzabschneiden und das schmerzhafte Kastrieren der männlichen Ferkel. Auch nicht klar wird, dass die Muttersau bewegungslos eingepfercht ist.

Gelogen: Die Sauen werden typischerweise bis vier Wochen nach der Besamung im Kastenstand gehalten, wo sie sich nicht umdrehen und nicht einmal ein paar Schritte gehen können. Wenn die Besamung nicht zur Trächtigkeit geführt hat, verlängert sich die Zeit im Kastenstand.

Ausnahmsweise wird klar gesagt, dass Kuh und Kalb getrennt werden und dass Bullenkälber bald geschlachtet werden. Beschönigt wird dennoch, u.a. durch Verwendung einer aktiven Sprache, die suggeriert, die Kuh würde selbst entscheiden und handeln: „Sie legt dann eine Melkpause bis zur Geburt ihres nächsten Kalbes ein, ehe sie wieder gemolken wird.“; „Sie Mutter des Kalbes ist in den Stall zu den anderen Kühen zurückgekehrt.“ Erwähnt wird nicht, wie die Kuh auf die Wegnahme des Kalbs reagiert, wie das Kalb danach untergebracht wird (alleine im Kälberiglu?) und was die frühe Trennung für es bedeutet.

Weglassen von Tatsachen: In der Doppelseite über Eier wird nicht gesagt, dass Hühner auf hohes Eierlegen gezüchtet sind (das Urhuhn legte etwa 20 Eier im Jahr zur eigenen Fortpflanzung, heutige Legehennen über 300). Nicht erwähnt wird, dass Legehennen meistens gekürzte Schnäbel haben. Auch nicht, dass die männlichen Küken am ersten Lebenstag geschreddert werden. Dass die Legehennen nach einem Jahr Eierlegen zum Schlachthof kommen, wird ebenfalls verschwiegen.