Am Montag, dem 11.01.2016, bekam der Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft von der Gruppe Grüne Woche demaskieren einen Preis verliehen: Die Rosa Brille 2016. Noch vor Weihnachten hat Friederike Schmitz von Grüne Woche demaskieren zur Geflügel-Charta ein Gespräch geführt mit dem Geschäftsführer des Zentralverbands der Geflügelwirtschaft (ZDG), Thomas Janning, sowie der Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Christiane von Alemann. Das Gespräch veranschaulicht einige Aspekte der Öffentlichkeitsarbeit der Lobbyverbände.

Die Charta wurde vom ZDG im September 2015 veröffentlicht und mit verschiedenen Werbemaßnahmen wie Großflächenplakaten bekannt machte. Laut Charta verpflichtet sich die gesamte Geflügelwirtschaft auf bestimmte Werte wie Tierwohl, Nachhaltigkeit oder soziale Verantwortung. Im begleitenden Filmchen heißt es gar, wer sich nicht gut um seine Tiere kümmere, würde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Im Interview zeigt sich, wie wenig dahinter steckt: Weder haben sich die Tierhalter*innen aktiv auf die Charta verpflichtet, noch hat es jemals einen Ausschluss aus dem Verband gegeben – trotz zahlreicher Skandale um Tierquälerei in der Hühner- und Putenindustrie.

Im Gesprächsverlauf kann man verschiedene Strategien der Beschönigung erkennen.

Der Geschäftsführer des ZDG erzählt von Gesundheitsprogrammen, nennt aber keine konkreten Krankheitszahlen. Er schildert Kontrollsysteme, sagt aber nichts zur tatsächlichen Wirksamkeit.

Er weiß, dass die Hühner und Puten in großer Zahl an zucht- und haltungsbedingten Schäden leiden, bezeichnet aber trotzdem die Haltungssysteme in stetiger Wiederholung als tiergerecht – in direktem Widerspruch zu seiner eigenen Definition von Tiergerechtheit als Abwesenheit von haltungsbedingten Beschwerden. Bedenken sucht er zu zerstreuen, indem er darauf verweist, dass alle Lebewesen krank werden können.

Kritische Fragen wehrt er ab, indem er differenzierte Tatsachenbehauptungen als Pauschalisierungen und Dramatisierungen bezeichnet.

Besonders gern spricht er über angestrebte Verbesserungen, anstatt auf die Leiden und das Sterben der Tiere im gegenwärtigen Moment einzugehen – dazu kann er ohnehin nicht viel sagen, sondern müsste dafür erst in ein Lehrbuch schauen.

Obwohl der Verband selbst durch gezielte Werbung den Fleischkonsum zu erhöhen sucht, äußern sich seine Vertreter*innen nicht zu den Umweltauswirkungen desselben, sondern verweisen auf die freie Entscheidung des Einzelnen.

Auf die beschönigende Darstellung der Tierhaltung angesprochen, lenken sie von der Frage nach fairer Information ab, indem sie die Grundsatzfrage aufmachen, ob die Menschheit überhaupt ohne Fleisch ernährt werden könnte. Und zuletzt greifen sie sogar noch zum altbekannten Fleischesser-Joker: Was ist eigentlich mit den Pflanzen?

Aber lest selbst – und denkt mit!

Wir freuen uns über weitere Anmerkungen in den Kommentaren!

 

„Auch ein Baum wird krank.“

Schmitz: Wie ist die Geflügel-Charta entstanden?

Von Alemann: Die Charta kommt aus der Mitte der Geflügelfleischwirtschaft. Es war für uns als Branche das erste Mal, dass wir uns alle zusammengesetzt haben, um gemeinsam zu formulieren, wo wir stehen. Es gab mehrere Workshops hier in Berlin mit Mitgliedern aus ganz Deutschland, Hähnchenhaltern, Putenhaltern, Mitarbeitern von Geflügelschlachtereien, die sich ganz intensiv mit ihrer eigenen Arbeit auseinandergesetzt haben und auch mit dem Bild ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit. Auf dieser Grundlage haben wir die Charta aufgebaut.

Schmitz: Mit welcher Motivation hat der Zentralverband diesen Prozess angestoßen?

Von Alemann: Es ist immer hilfreich, die eigene Arbeit zu reflektieren. Unser Ansatzpunkt ist natürlich, dass wir gute Arbeit machen, alle miteinander. Wir möchten, dass die vielen Tierhalter nicht angefeindet und angegriffen werden, sondern dass ihre Arbeit, die sie tagtäglich mit Leidenschaft und Herzblut in ihren Ställen leisten, auch wertgeschätzt wird.

Schmitz: Kritiker der Geflügel-Charta haben bemängelt, dass sie keine konkreten Verbesserungsmaßnahmen der Geflügelhaltung enthält, sondern letztlich alles beim Alten bleibt.

Janning: Man muss die Charta richtig einordnen. Es geht um eine Selbstverpflichtung. Eine Beschreibung, wie wir uns als Branche verstehen und wie wir in die politische Diskussion eintreten, wenn es zum Beispiel um konkrete Änderungen des Tierschutzgesetzes geht.

Schmitz: Es ist also nicht so, dass Betriebe verändert oder umgerüstet wurden, damit sie dann den Anforderungen der Charta entsprechen?

Janning: Nein. Aber wir verfolgen eine konsequente Weiterentwicklung der Geflügelhaltung im Gespräch mit vielen Akteuren wie Tierschutzorganisationen, Ländern, Bund und Europa.

Schmitz: Sie sagen, dass alle Betriebe, die im Verband organisiert sind, sich zu der Charta bekennen. Es haben aber doch bestimmt nicht alle an diesen Workshops teilgenommen. Wie sah das Bekenntnis konkret aus?

Von Alemann: Wir haben die Betriebe nicht um eine Unterschrift gebeten. Aber die Charta wird von allen Betrieben, die unserem Verband angeschlossen sind, tagtäglich gelebt in den Ställen. Wir haben als Verband auch intensiv nach innen kommuniziert und mit vielen Mitgliedern gesprochen.

Schmitz: Im Video zur Charta heißt es: Wer sich nicht gut um seine Tiere kümmert, wird aus unserer Gemeinschaft ausgeschlossen. Was heißt das genau? Fliegt er aus dem Verband, oder aus dem QS-System („Qualität und Sicherheit“), oder darf nicht mehr produzieren, oder was passiert?

Von Alemann: Sowohl als auch. Wir stehen zu dem Qualitätssicherungssystem QS, das in Deutschland anerkannt ist. Wenn die unabhängigen Prüfer von QS den dauerhaften Ausschluss feststellen, dann hat das für uns die Konsequenz, dass der Betrieb aus unseren Verbandsstrukturen ausgeschlossen wird und entsprechend keine Chance mehr hat zu vermarkten.

Noch nie wurde ein Betrieb ausgeschlossen

Schmitz: Wie oft kommt das vor?

Janning: Es ist ein mehrstufiges System. Bei QS gibt es ein sehr umfassendes Paket von Kriterien, Handbuch, Kontrollen. Dazu gehören Systemaudits alle zwei Jahre und jährliche Spotaudits. Es gibt Bewertungen unterschiedlicher Schärfe, Aufforderungen zur Nachbesserung usw. Und am Ende steht dann als letzte Sanktion der komplette Ausschluss aus dem System. Das hat es aber so bei QS bisher noch nie gegeben.

Schmitz: Man sieht ja immer wieder Recherchebilder aus Ställen, wo schreckliche Zustände zu sehen sind.

Janning: Recherchebilder sind für uns auch ein Anlass, sehr aufmerksam zu werden. Der Betrieb wird zunächst unmittelbar für die Lieferung in das QS-System gesperrt. Dann wird geschaut, was da los ist.

Schmitz: Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass es auch eine Lücke in der eigenen Kontrolle gibt?

Janning: Recherchebilder von verletzten Tieren sind nicht automatisch Ausdruck eines Missstands. Es kann auch sein, dass die Tiere zwischen zwei Kontrollgängen verletzt wurden. Aber sie sind Anlass für uns, sofort diesem Sachverhalt nachzugehen.

Schmitz: Direkt nach der Veröffentlichung der Charta gab es neue Bilder von PETA. Da waren nicht nur verletzte kranke Tiere im Stall zu sehen, sondern auch eine Ausstallung, wo Arbeiter die Tiere in die Kisten geschleudert und getreten haben. Da haben Sie dann gesagt, der ZDG habe sofort eine Überprüfung durch unabhängige Auditoren veranlasst. Was ist daraus geworden?

Janning: Es gab ein sofortiges Audit und Rücksprache mit dem Veterinäramt. Hier hatten wir es mit einer Ausstallungskolonne zu tun, nicht mit dem Tierhalter. Wir haben natürlich auch deutlich gemacht, dass der Tierhalter genauer hingucken muss, und dass die, die die Ausstallung tätigen, sorgfältiger geschult werden müssen, und dass der Kolonnenführer gemahnt wird, noch sorgfältiger darauf zu achten, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Das Treten von Tieren ohne Treibhilfe ist nicht in Ordnung. Das darf nicht sein.

Schmitz: Wie wird jetzt geguckt, ob es wieder vorkommt? Das waren ja heimlich gemachte Aufnahmen, wahrscheinlich mit versteckter Kamera, von diesen Ausstallungsprozessen. Muss man darauf hoffen, dass wieder Leute heimlich Kameras aufstellen?

Janning: Nein. Ich sehe nicht die Mechanik, dass wir die externe Kontrolle brauchen durch NGOs oder Aktivisten mit versteckten Kameras. Ich persönlich trete dafür ein, dass wir es mit verantwortungsvollen Tierhaltern zu tun haben.

Pauschalisierung und Unterstellung?

Schmitz: Das heißt aber, dass ich als Verbraucherin nicht wissen kann, ob das Tier, das ich kaufe, bei der Ausstallung getreten wurde.

Janning: Da pauschalieren Sie zu stark.

Schmitz: Ich sage nur, ich kann es nicht wissen. Ich sage nicht, dass alle getreten wurden. Aber es gibt welche, die getreten werden, oder?

Janning: Auch das ist jetzt eine Unterstellung zu sagen, dass jedes Mal beim Ausstallen die Tiere getreten werden, das ist falsch. Die Regel heißt: Nicht treten. Die Regel heißt: Sehr gut ausgebildete Fachkräfte, die die Ausstallung tätigen und eine Person, die Aufsicht führt. Und der Tierhalter, der eine Oberaufsicht führt. Das macht das System in höchstem Maße verlässlich.

masthuhnSchmitz: Betrachten wir doch mal nicht diese Verstöße oder Ausnahmen, aus Ihrer Sicht, sondern die Normalität der Geflügelhaltung. Es gibt eine Studie der Uni München, die verschiedene Gesundheitskriterien bei Wiesenhof-Masthühnern untersucht hat. In konventionellen Ställen wurde festgestellt, dass 87,7 Prozent der Tiere Ganganomalien haben, 18,3 Prozent sogar schwerwiegende Ganganomalien. 35,4 Prozent der Tiere haben Fußballenentzündungen. Wie ist das mit der Tierwohl-Verpflichtung der Charta vereinbar?

Janning: Die Studie kenne ich im Detail nicht.

Schmitz: Es gibt doch immer wieder solche Ergebnisse. Fußballenentzündungen sind ein Problem.

Janning: Ja, es ist aber etwas, was vermeidbar ist oder auf jeden Fall deutlich zu minimieren ist. Und dafür gibt es in der Branche auch ein Problembewusstsein. Im Rahmen eines einzigartigen Gesundheitskontrollprogramms schauen wir uns bei jedem Hähnchenbestand, jedem Putenbestand, der zur Schlachtung kommt, die so genannten Tierwohl-Indikatoren an: Wie viel Tiere sind im Laufe der Aufzucht gestorben, wie viel Tiere sind auf dem Transporter verstorben, und wie sehen die Füße aus? Diese Daten werden mit dem Durchschnitt aller Tiere an dem Schlachthof verglichen und an den Mäster zurückgespielt. Wenn die Mortalität besonders hoch oder die Füße besonders krank waren, greift ein Beratungskonzept. Im schweren und wiederholten Fall kann eine Reduktion der Besatzdichte erfolgen.

Schmitz: Ein Prozess, in dem natürlich auch bei jedem einzelnen Halter hunderttausende oder Millionen Tiere darunter leiden, bevor etwas unternommen wird.

Janning: Aber dem kann man natürlich schon abhelfen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Einstreufeuchte und Fußballenläsionen. Wenn man allerdings einen Bestand hat mit einer Durchfallerkrankung, ist es sehr schwierig, da kommt es zu feuchter Einstreu. Aber anzuerkennen ist, dass es überhaupt dieses System gibt.

Schmitz: Sind diese Daten zum durchschnittlichen Gesundheitszustand der Tiere auch öffentlich einsehbar?

Janning: Bislang noch nicht, weil wir momentan das Tier im Fokus haben.

Schmitz: Wie viele Tiere sterben schon während der Aufzucht, die bei Masthühnern ja nur 5 bis 6 Wochen dauert?

Janning: Deutlich weniger als früher. Üblicherweise werden 3 % einkalkuliert. Bei Puten sind es mehr, weil die auch länger leben.

Schmitz: Wie sterben diese Tiere? Und woran?

Janning: Das ist jetzt aber eine sehr diffizile Fragestellung. Da müsste man in veterinärmedizinische Lehrbücher zu Hähnchen schauen.

Schmitz: Diese drei Prozent klingen wenig, aber wenn man bedenkt, dass pro Jahr über 600 Millionen Hühner produziert werden, dann sind es über 18 Millionen Tiere, die in den Ställen verenden oder „notgetötet“ werden.

Janning: Tiere sterben in jeder Tierhaltung. Daher finde ich es auch wenig glücklich, wenn man das jetzt hochrechnet und versucht zu dramatisieren, indem man sagt, da sterben Millionen von Tieren.

Ziele des Verbandes und Entscheidung des Einzelnen

Schmitz: Wie sehen Sie denn die Zukunft des Geflügelfleischverbrauchs – wird er weiter ansteigen? Was würden Sie sich als Verband wünschen?

Von Alemann: Was wir uns wünschen würden, können Sie sich vermutlich denken. Wir merken, dass Geflügelfleisch als kalorienarmes und proteinreiches Fleisch sehr beliebt ist beim Verbraucher und im Trend liegt. Marktexperten gehen davon aus, dass es ein zunächst moderates, später auch stärkeres Wachstum gibt.

Schmitz: Es wird ja argumentiert, dass aus Umweltschutzgründen der Fleischkonsum reduziert werden sollte.

Janning: Ich glaube, das ist eine sehr große Diskussion, in der es auch eine Verquickung mit persönlichen Überzeugungen gibt.

Schmitz: Kann man sich denn gesund ernähren ohne Geflügelfleisch?

Janning: Aus unserer Sicht gehört Geflügelfleisch zu einer ausgewogenen und modernen Ernährung dazu.

Schmitz: Aber das bedeutet nicht, dass es gesundheitlich notwendig ist?

Janning: Das kann ich nicht beurteilen und will ich nicht beurteilen. Ich denke, dass wir Menschen schon immer Fleisch auf dem Speiseplan hatten, in frühen Jahren der Menschwerdung schon, und dass es gesund ist.

Schmitz: Aber bedeutet Verantwortung nicht, in die Zukunft zu blicken? Wenn Fleisch erstens gesundheitlich nicht nötig ist – worin sich Ernährungswissenschaftler längst einig sind – putenund zweitens die Fleischerzeugung mehr Ressourcen frisst und Klima und Umwelt mehr schädigt als pflanzliche Erzeugung, sollte man sich dann nicht für eine Reduktion anstatt für eine Steigerung des Fleischkonsums einsetzen?

Von Alemann: Wir sehen diese Diskussion komplett undogmatisch und ganz unverkrampft. Aus unserer Sicht soll jeder Einzelne entscheiden dürfen, wie er sich ernährt. Für uns ist es völlig okay, dass es Vegetarier und Veganer gibt. Wir sehen aber auch, dass es in Deutschland eine Mehrzahl von Leuten gibt, die gerne Geflügelfleisch essen, und für genau diese Menschen arbeiten wir. Ihnen möchten wir ein Produkt in höchster Qualität zur Verfügung stellen und zu erschwinglichen Preisen.

Schmitz: Auf welcher Grundlage entscheiden die Menschen? Die Botschaft der Geflügel-Charta ist, den Tieren geht es gut. Sie sagen aber nicht, dass ein Drittel der Hühner Fußballenentzündungen haben und man das in Kauf nehmen muss, wenn man Fleisch isst.

Janning: Die Wissenschaft ist sich nicht einig, ob man die Menschheit versorgen könnte mit einer rein pflanzlichen Ernährung. Wir bekennen uns zum verantwortungsvollen Fleischverzehr.
Ich glaube, wir müssen auch ehrlich bleiben in unserer Information. Wir dürfen nicht das einzelne, verletzte Tier als Sinnbild sehen einer komplett falschen Tierhaltung.

Schmitz: Aber die verletzten Tiere gibt es ja, und die gäbe es nicht, wenn es die Ställe nicht gäbe. Das heißt, wer Fleisch isst, sollte doch wissen, dass er das in Kauf nimmt?

Janning: Da sind wir in einer sehr grundsätzlichen Diskussion einer Lebenseinstellung, die mit oder ohne Fleisch funktioniert.

Schmitz: Würden Sie denn sagen, dass die gegenwärtig bestehenden Tierschutzbestimmungen für Geflügel für eine tiergerechte Haltung sorgen?

Janning: Ja, mit Ausrufezeichen.

Schmitz: Sind sie auch artgerecht?

Janning: Nein. Da müssen wir unterscheiden. Artgerecht ist, wie sich die ursprünglichen Tiere in freier Wildbahn bewegen. Da gibt es zum Beispiel die Diskussion um die Sitzstangen, daran kann man das sehr konkret festmachen. Ich überfordere das Tier nicht, wenn ich keine Sitzstange im Stall habe.

Was heißt tiergerecht?

Schmitz: Was heißt dann tiergerecht?

Janning: Tiergerechtheit definieren wir anhand der fünf Grundfreiheiten: Freiheit von Hunger und Durst, von Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten, von Angst und Stress, von haltungsbedingten Beschwerden und die Freiheit zum Ausleben normalen Verhaltens. Das ist für uns der Maßstab.

Schmitz: Wie kann man die Forderung nach Freiheit von Schmerzen und Krankheiten damit zusammenbringen, dass die Mehrzahl der Tiere Ganganomalien hat?

Janning: Nicht alle Tiere haben Ganganomalien. Wir müssen uns freimachen von dieser Pauschalierung.

Schmitz: Ich habe eher umgekehrt das Gefühl, dass die Position des ZDG ist, es ist alles in Ordnung und allen Tieren geht es gut. Aber Sie gestehen ja zu, dass da Schmerzen und Leiden vorhanden sind, die auf Zucht und Haltung zurückzuführen sind.

Janning: Auch in der extensiven Haltung sind nicht alle Tiere frei von Schmerzen und Leiden. Wir haben es hier mit Organismen zu tun, mit Biologie, jedes Tier ist individuell und da kann es immer auch Probleme geben.

Schmitz: Aber die Probleme sind ja nicht individuell, sondern systemgemacht, weil sie auf Zucht und Haltung zurückgehen.

Janning: Da haben wir eine unterschiedliche Wahrnehmung. Wir sehen kein systemimmanentes Problem, wir sehen eine tiergerechte Geflügelhaltung entlang der gesamten Erzeugungskette. Dieses System ist geeignet, Tiere tiergerecht zu halten. Aber wir wissen auch, dass es viele Stellschrauben gibt, an denen wir drehen müssen, um es noch besser zu machen.

Schmitz: Aber Sie sagen ja, dass es nicht nur in Zukunft tiergerecht ist, wenn man diese Probleme beseitigt haben wird, sondern dass es jetzt schon tiergerecht ist. Aber jetzt haben wir doch die Ganganomalien und die Fußballenentzündungen. Also die meisten Tiere haben nicht die fünf Freiheiten.

Janning: Das bedeutet nicht, dass diese Tierhaltung nicht tiergerecht ist. Sie ist tiergerecht. Wir haben es eben mit Lebewesen zu tun. Auch ein Baum wird krank.

Schmitz: Ein Tier zu töten, weil man es verkaufen will und Leute es essen wollen, was ist dafür eigentlich die Rechtfertigung? Warum ist es ok, Tiere zu töten?

Janning: Das kann nur jeder für sich beantworten. Meine Antwort ist: weil ich leben und etwas essen will.

Schmitz: Sie könnten ja etwas anderes essen.

Janning: Darüber haben wir schon gesprochen. Für mich gehört tierisches Protein zur Ernährung dazu. Das bekomme ich nur, indem ich ein Tier töte. Aber ich will vorausgesetzt wissen, dass es dem Tier auch gut ging bis zum Tod.

Von Alemann: Grundlage unseres Wirtschaftens ist, dass es seit Menschengedenken gesellschaftlich akzeptiert ist, dass der Mensch zu seinem Nutzen Tiere halten darf. Und das ist für uns immer noch gesellschaftlicher Konsens, auch wenn wir sehen, dass es Teile der Gesellschaft gibt, die das nicht richtig finden. Für uns ist das okay, denn es ist immer wieder Entscheidung des Einzelnen, ob man Tiere töten und essen darf.

Schmitz: Was ist der Unterschied zwischen Menschen und Tieren, der es rechtfertigt, dass wir Tiere töten dürfen, aber keine Menschen?

Janning: Tiere haben keine Vorstellung vom Tod. Nehmen Sie zwei Rehe, die nebeneinanderstehen, und das eine wird erschossen. Was macht das andere? Vielleicht rennt es weg, weil es den Knall gehört hat. Aber wird das Tier denken, oh Gott, mein Mitgeschöpf ist hier an der Stelle erschossen worden? Nein. Es läuft 50 Meter und frisst weiter. Wir als Menschen würden damit ganz anders umgehen. Und wenn wir schon bei dieser grundsätzlichen Diskussion sind: Wenn wir Pflanzen essen, vernichten wir auch Leben.

Schmitz: Aber sollte man gerade dann nicht, im Sinne des kleinsten Übels, die Pflanzen direkt essen, anstatt sie an Tiere zu verfüttern?

Janning: Man müsste vor allem den Bevölkerungszuwachs in den Griff bekommen, der ist ja eine Hauptursache der Probleme.

Schmitz: Es gibt sicher verschiedene Faktoren. Aber Sie als Verband entscheiden doch auch, in welche Richtung Sie die Gesellschaft beeinflussen?

Janning: Wir tragen Verantwortung dafür, Menschen zu ernähren. Das ist ein hohes Gut.